Passend zu den Gewalttaten in Hamburg ein Artikel

Die Angst der Polizisten


Fabian K. (Name geändert) ist Seelsorger – ehrenamtlicher Seelsorger unter Polizeibeamten. Er arbeitet sozusagen Undercover, im Verdeckten, deshalb vertrauen ihm Polizisten in ganz Deutschland ihre Schicksale, ihre Not, ihre Ängste an. In einem Interview mit TOPIC schildert Fabian K. die Ängste der Polizisten.

TOPIC: Die Polizei soll angeblich Angst haben. Angst vor Einbrechern, anderen Kriminellen, gewalttätigen Migranten etc. Ist da was dran?

Herr K.: Die Polizisten haben weniger Angst vor Kriminellen, Angst sie festzunehmen etc., denn die deutsche Polizei ist ja gut ausgebildet. Sie haben Angst vor den Folgen, wenn es zu harten Auseinandersetzungen mit Kriminellen oder Demonstranten kommt.

TOPIC: Wie darf man das verstehen?

Herr K.: Die Polizisten haben Angst davor, dass sie bei einer Verletzung – sagen wir einmal bei einer Demonstration, wo Steine fliegen – so verletzt werden, dass sie teilweise dienstunfähig werden oder, wie es in der Fachsprache heißt, nicht mehr vollzugsdiensttauglich sind. Liegt so etwas vor, fallen nicht wenige in ein berufliches und in der Folge in ein soziales Loch. Ihre Dienstherren lassen sie nämlich oftmals dann sehr hängen. Ich weiß von einem Behindertenvertreter bei der Polizei, dass in einem – zugegebenermaßen kleinen Bundesland – von 4.000 Polizisten 2.000 eigentlich einen Antrag auf Behinderung stellen könnten – könnten. Aber sie tun es nicht aus Angst vor sozialen Folgen. Zum Beispiel Versetzung in den Innendienst oder zu anderen öffentlichen Arbeitgebern mit verminderten Aufstiegschancen. Der schlimmste Fall: Rauswurf!

TOPIC: Nennen Sie doch mal irgendein Beispiel.

Herr K.: Ein 40-jähriger Polizist – nennen wir ihn Frank – wird mit seinen Kollegen zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen – zu x-mal in dieselbe Wohnung. Als die Polizisten in die Wohnung gewaltsam eindringen, finden sie eine Frau vor, deren Fuß mit einem Schraubenzieher durchstochen praktisch am Fußboden festgenagelt ist. Ihr Ehemann, ein „Brecher“ von zwei Metern Größe, von Beruf Gerüstbauer, greift die Polizisten sofort an. Frank nimmt ihn in den Schwitzkasten und schmettert ihn zu Boden – leider unglücklich. Der Mann stirbt dabei. Frank wird deswegen vom Dienst suspendiert. Er fängt an zu trinken, fliegt aus dem Polizeidienst, nimmt dann Drogen und landet sogar im Gefängnis. Übrigens, das ist auch die Angst vieler Polizisten, dass bei einem Einsatz ein Verbrecher zu Tode kommt und sie dann Scherereien beim Dienstherren bekommen. Das ist aber längst nicht die einzige Angst.
TOPIC: Wovor haben Polizisten sonst noch Angst?

Herr K.: Da ruft mich ein Polizist aus Berlin an und sagt mir mit zitternder Stimme: „Ich habe Todesangst!“ Was war geschehen? Er und seine Kollegen hatten Bürgern beigestanden, als diese von Rockern zusammengeschlagen wurden. Die Folge: Die Rocker – unterstützt von Top-Anwälten – hatten meinen Anrufer wegen unangebrachter Gewalt angezeigt und dazu noch ihm und seiner Familie Morddrohungen geschickt. Der Polizist ließ sich sofort krankschreiben und verließ die deutsche Hauptstadt fluchtartig. Nach meiner Kenntnis gibt es in Berlin keinen Anwalt mehr, der Opfer von kriminellen Großclans vertritt. Alle haben Angst.
TOPIC: Wir hatten im Februar 2017 einen Bericht in TOPIC über die Christliche Polizeivereinigung, die sich darüber beklagte, dass die Kollegen wegen Überbelastung auf dem Zahnfleisch gingen.

Herr K.: Das stimmt. Ich weiß beispielsweise, dass Hamburgs Polizisten über eine Million Überstunden vor sich her schieben – bedingt auch durch den Schutz vieler Veranstaltungen und Demonstrationen. Und viele Polizisten fragen sich, wofür halten wir im wahrsten Sinne des Wortes eigentlich unseren Kopf hin?
Da spreche ich mit einer Hauptwachtmeisterin aus Bayern, die mit Kollegen wegen eines Demo-Einsatzes in eine norddeutsche Großstadt abkommandiert wird. Steine werden geschmissen, Flaschen fliegen und ein verbotener Hochleistungs-Laserpointer kommt auf Demonstrantenseite zum Einsatz. Die Beamtin verliert dadurch auf einem Auge die komplette Sehkraft, auf dem anderen Auge sieht sie nur noch 20 Prozent. Als die Sache vor Gericht kommt, sagt die Richterin zur geschädigten Polizistin, dass es zu ihrem Job gehöre, sich Steine ins Gesicht werfen zu lassen. Wenn ihr das nicht gefiele, solle sie sich einen anderen Job suchen. Übrigens: Keiner der – es waren linke – Gewalttäter wurde verurteilt. Politik, Justiz und auch die Dienstherren der Polizisten lassen unsere Freunde und Helfer oft genug im Regen stehen.
TOPIC: Wer den Polizistenberuf ergreifen will, läuft ja im wahrsten Sinne des Wortes ins offene Messer?

Herr K.: Ganz so ist es nicht. Soweit ich weiß, bekommen in einigen Bundesländern Polizeischüler jetzt wenigstens ein Merkblatt, das in Bezug auf Unfälle, Krankheit und Behinderung und ein vorzeitiges Ende im Polizeidienst informiert.

TOPIC: Herr K., wir danken Ihnen für diesen nicht gerade erfreulichen Einblick in den Alltag von Polizisten in Deutschland.


Quelle: Topic Juni 2017